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Jung trifft Alt - und China trifft Deutschland
23.05.2012  
Fünf chinesische Jugendvertreter besuchten vom 11.-20. Mai die dbb jugend nrw, um mehr über die demografischen Herausforderungen zu erfahren, mit denen Deutschland zu kämpfen hat. Denn was kaum jemand gedacht hätte: die Situation in China ist noch weitaus problematischer als hierzulande.

Dass die Menschen in Deutschland immer älter werden und gleichzeitig immer weniger Kinder in die Welt setzen, ist bekannt. Weit weniger bekannt ist wohl die Tatsache, dass China vor demografischen Problemen steht, die die Entwicklung in Deutschland noch in den Schatten stellen. Was 1979/1980 erdacht wurde, um das explosionsartige Bevölkerungswachstum in China einzudämmen, schafft nun ganz neue Probleme: Durch die "Ein-Kind-Politik" der chinesischen Regierung durchläuft das Land einen beispiellosen Alterungs­prozess.

Landesjugendleiter Markus Schallenberg (hinten 2.v.l.) und Beisitzerin Sabrina Deiter (Mitte) hießen die Gäste aus China in Deutschland herzlich willkommen
Kamen im Jahre 1975 auf einen über 60-Jährigen sechs Kinder, so stehen eine Generation später einem einzigen Kind zwei Rentner gegenüber. Schon jetzt ist absehbar, dass diese dramatische Entwicklung eine ganze Reihe von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen mit sich bringen wird. Umso wichtiger war es den fünf chinesischen Fachkräften aus der Jugendarbeit, beim von der dbb jugend nrw organisierten Fachprogramm mehr darüber zu lernen, wie hierzulande versucht wird, das Miteinander und Füreinander zwischen den Generationen neu zu beleben und der Individualisierung und Vereinsamung alter Menschen vorzubeugen.

Die Gruppe aus China zu Besuch beim AWO-Mehr­generationen­haus in Duisburg
Um das Thema aus möglichst vielen Blickwinkeln beleuchten zu können, hatte die dbb jugend nrw Fachgespräche und Besuche in den unterschiedlichsten Einrichtungen organisiert. Mit einem Minibus reiste die Gruppe kreuz und quer durch NRW, um unterschiedliche Ansätze, Ideen und Praktiken kennen zu lernen. Einen Schwerpunkt bildeten Begegnungsstätten für Alt und Jung, die oftmals in sogenannten Mehr­gene­rationen­häusern angesiedelt waren. So lernten die chinesischen Fachkräfte beispielsweise das Mehrgenerationenhaus der AWO in Duisburg näher kennen. Interessiert hörten sie dort zu, wie die anwesenden Senioren begeistert von ihren Lernpatenschaften berichteten, die sie für Schülerinnen und Schüler aus Grund- und Förderschulen übernommen hatten. Doch nicht nur die Alten helfen den Jungen in Duisburg - auch die Jungen helfen den Alten: als "Leihenkel" treffen sie sich mit Senioren zum Spielen, Spazieren gehen und klönen.
Auch im Begegnungs- und Beratungszentrum der evangelischen Gemeinde in Marxloh-Obermarxloh betätigt man sich als Brückenbauer zwischen Alt und Jung. Viele Senioren, die in dem von hoher Arbeitslosen- und Kriminalitätsrate geprägten Stadtteil leben, trauen sich kaum noch aus dem Haus, erfuhren die Gäste aus China von Hausleiter Georg Zeppenfeld. Um auf der einen Seite der Vereinsamung der Senioren entgegenzuwirken und auf der anderen Seite jungen Menschen eine Beschäftigung zu bieten, bringt man hier beide Seiten miteinander in Kontakt. Im Begegnungszentrum entstehen zwischen Alt und Jung langfristige Bindungen, ältere Menschen werden aus ihrer Isolation geholt und junge Menschen stärken ihre sozialen Kompetenzen und ihre Sprachfähigkeit.
In dem Generationenprojekt, das die Montanus-Realschule in Leverkusen vor einem Jahr mit dem dortigen Caritasverband gestartet hat, lag der Fokus beim Besuch der chinesischen Fachkräfte ganz auf den Schülerinnen und Schülern. Zahlreich waren sie erschienen, um stolz von ihrer Beteiligung an diesem Projekt zu berichten - und das, obwohl das Gespräch an einem Brückentag stattfand, an dem die Schüler eigentlich einen (schul)freien Tag genießen konnten.

Auch aus anderen Blickwinkeln wurde das Miteinander von Jung und Alt beleuchtet: Im Freiwilligen-Zentrum der Caritas in Aachen sowie beim Verein "Freiwillige Soziale Dienst im Bistum Aachen" erfuhren die Jugendvertreter aus Fernost mehr über die Strukturen und Konzepte von freiwilligem Engagement in Deutschland.

Waren an ihrem freien Tag gekommen, um den Gästen aus China von ihrem Projekt zu erzählen: Schüler der Montanus-Realschule Leverkusen
Bei ihrem Besuch im Gymnasium Alsdorf kamen sie wiederum mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch, die sich in ihrer Freizeit sozial und für ältere Mitmenschen engagieren: sei es als Ehrenamtler beim Deutschen Roten Kreuz, als Taekwondo-Trainerin oder als "Leihenkel" durch regelmäßige Besuche einer 92-jährigen alten Dame. Um einen umfassenden Einblick in die Arbeit mit jungen Menschen in Deutschland zu ermöglichen, besuchte die Gruppe ebenfalls das pädagogische Zirkusprojekt "ZappZarap" in Leverkusen, den Malteser Jugendtreff in Baesweiler-Setterich und traf sich mit dem Aachener Städteregionsrat Helmut Etschenberg, der sich bei einem offiziellen Begrüßungstermin viel Zeit für die Gäste aus China nahm.
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Neben diesen und weiteren Fachterminen und offiziellen Treffen war im eng gesteckten Terminplan auch Platz für ein wenig Landeskunde: eine Schifffahrt auf dem Rhein gehörte genauso zum Programm wie ein Ausflug auf den Drachenfels, die für chinesische Gäste stets ungemein spannende Besichtigung eines "echten" Schlosses sowie die Gelegenheit für intensives Shoppen im CentrO Oberhausen.

Besonders spannende Momente erlebten die Gruppenmitglieder aus der kommunistisch regierten und autoritär geprägten Volksrepublik am Tag der nordrhein-westfälischen Landtagswahl (13. Mai), als sie im Wahlinformationszentrum der StädteRegion Aachen zum ersten Mal in ihrem Leben eine demokratische Wahl hautnah miterleben konnten. Die chinesischen Gäste zeigten großes Interesse am Wahlsystem in Deutschland und stellten ihre Fragen schneller als darauf Antworten gegeben werden konnten. Eins ist sicher: Nach ihrer Rückkehr nach China werden sie einiges zu erzählen haben.