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Gleitzeit am Gymnasium Alsdorf
11.03.2016  
Gleitzeit für Schüler - das klingt zu schön, um wahr zu sein. Und doch ist es Wirklichkeit. Das Gymnasium Alsdorf, einer der Kooperationspartner der dbb jugend nrw, testet das ungewöhnliche Modell unter wissenschaftlicher Begleitung. Die Initialzündung zu dem bundesweit einmaligen Projekt gab der Vortrag eines Hamburger Erziehungswissenschaftlers.

Jugendliche ticken anders. Auf dem Weg in die Eigenständigkeit stellen sich nicht nur die Hormone auf wirbelige Zeiten ein, sondern auch der Biorhythmus. Vollkommen anders als bei den meisten Erwachsenen verschiebt sich die natürlich gegebene Schlafenszeit bis in die Vormittagsstunden. "Wenn wir die Schüler morgens unterrichten, sind sie eigentlich - rein chronobiologisch betrachtet - noch in einer ihrer Tiefschlafphase", sagt Martin Wüller, stellvertretender Schulleiter des Gymnasiums in Alsdorf.
Das Gymnasium Alsdorf ist bekannt für viele
innovative pädagogische Konzepte
Einfach mal ausschlafen - bundesweit einzigartig

Darauf, dass das so ist, stießen die Lehrer als sie bei einer Fortbildung dem Vortrag eines Hamburger Erziehungswissenschaftlers über den verschobenen Biorhythmus bei Jugendlichen lauschten. "Bei uns war das wie eine Initialzündung", berichtet Wüller. "Wir be­nachteiligen demnach konsequent unsere puber­tierenden Schüler." Grund genug, etwas zu ändern, fand man in Alsdorf und tat das unter wissenschaftlicher Anleitung des Chronobiologen Prof. Till Roenneberg von der Universität München. Im Januar startete der Vorlauf für das bundesweit einmalige Projekt, das derzeit in der Testphase ist.
Zum Hintergrund: Aufstehen fällt morgens nicht nur vielen Erwachsenen schwer. Besonders krasse Auswirkungen hat es auf pubertierende Schüler. Denn der Unterricht startet nach dem an allen nordrhein-westfälischen Schulen vor­herrschenden Zeitplan in ihrer biologischen Tiefschlafphase. Damit aber nicht genug: Jede Schlafphase endet zudem mit einer REM-Schlafphase. Diese liegt bei den meisten Jugendlichen zwischen acht und neun Uhr morgens. In ihr erinnert man sich an Erlerntes und speichert es ab. Kommt der sogenannte REM-Schlaf zu kurz, so befürchten Chrono­biologen, kann sich das negativ auf das Lernen auswirken. In Alsdorf betrifft das möglicherweise 250 Oberstufen­schüler.

Besonderes Konzept der Schule macht späten Unterrichtsstart möglich
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Das Dalton-Konzept
Schulleiter Wilfried Bock zögerte darum keine Sekunde und begann, mehr über das Thema zu lesen. Er fand Studien über die unterschiedlichen Schlaftypen - die Früh­aufsteher (Lerchen) und Langschläfer (Eulen) und den verschobenen Schlaf­rhythmus. Das bestärkte ihn darin, etwas ändern zu wollen. Gemeinsam mit den Lehrern überlegte er, das an der Schule praktizierte eigenständigere Lernen nach dem Dalton-Konzept als weiteren Vorteil für die Schüler zu nutzen. Kern dieses Lernkonzepts ist das individuelle Lernen, bei dem die Schüler mehr Selbstverantwortung übernehmen. Die Schule gewann damit 2013 den Schulpreis des Landes NRW. Die dbb jugend nrw stellte das außergewöhnliche Schulkonzept ihres Kooperationspartners schon vielen internationalen Delegationen vor.

In den Dalton-Stunden arbeiten die Schüler/innen alleine oder in Kleingruppen - der Lehrer steht als Ansprechpartner zur Verfügung
Kern des Dalton-Ansatzes: Neben dem herkömmlichen Unterricht haben die Schüler täglich zwei Stunden, die sie unter Aufsicht frei lernen können. In dieser Zeit suchen sie sich nicht nur selbst aus, welche Fach- und Lerninhalte sie bearbeiten möchten, sondern auch bei welchem Lehrer sie das tun möchten.

"Wir haben festgestellt, dass viele Oberstufenschüler auch Freistunden dazu nutzen", sagt Martin Wüller. Das brachte die Schule auf die Idee, den Tag einfach mit einer "Selbsttätigkeitsstunde" zu starten. Damit ist den 250 Schülern der Oberstufe nun freigestellt, ob sie ihren Schultag bereits um 8 Uhr beginnen möchten oder lieber erst um 8.50 Uhr. Nachgeholt werden muss dadurch nichts. Nach wie vor endet der Unterricht um 15.15 Uhr. "Unsere Schüler haben jetzt lediglich so etwas wie 'Gleitzeit' hinzubekommen", sagt Wüller.

Ergebnisse werden wissenschaftlich ausgewertet
Schon bei der Vorstellung des neuen Modells trat man damit Begeisterungsstürme los. "Hundert Prozent der Schüler sprachen sich dafür aus", so Wüller. Nun läuft das wissenschaftlich begleitete Projekt bis zum 14. März. Dann ist erst mal Schluss mit der Schülergleitzeit, denn dann soll ausgewertet werden, ob die Umstellung wirklich etwas gebracht hat. Dazu ermitteln Roenneberg und sein Team bereits seit Januar mit Hilfe eines Aktometers verschiedene Daten von 115 freiwilligen Oberstufenschülern. Erfasst werden durch das kleine Gerät, das sie ständig am Handgelenk tragen, Infor­mationen wie Helligkeit, Bewegungszeiten, Schlafens­zeiten und einiges mehr.

Bereits abgeschlossene Studien aus den USA belegen, dass eine Schlafverlängerung von 30 Minuten am Morgen dafür sorgt, dass die Schüler motivierter und lernbereiter waren. Ob der spätere Start in den Tag auch den Alsdorfer Schülern gut tut, wird sich zeigen. Nach der Auswertung der Projektphase wird man wissen, wie sich das "Gleitzeitmodell" auf das Lern­verhalten auswirkt und ob man vielleicht dauerhaft dabei bleiben wird.

Am Gymnasium Alsdorf lassen Oberstufenschüler
von einem Computer am Handgelenk permanent
Daten über ihren Schlaf-Wachrhythmus sammeln