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Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten von Chinas Minderheiten
29.08.2017  
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Dass es viele Chinesen gibt, weiß jeder. Knapp 1,4 Milliarden sollen es sein. Doch dass im bevölkerungsreichsten Staat der Erde 56 verschiedene Volksgruppen leben, die sich teilweise grundlegend unterscheiden, ist weniger bekannt. Wie es um die Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten der Jugend von ethnischen Minder­heiten bestellt ist, war Thema des Besuchs einer Delegation der dbb jugend nrw im Reich der Mitte.

Landesjugendleiter Moritz Pelzer (rechts) leitete
die Delegationsreise nach China
China ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, Bräuche und Traditionen. Das Land ist bei weitem nicht so einheitlich, wie es von außen oft gesehen wird. Neben den Han-Chinesen, die die Mehrheits­bevöl­kerung in China stellen, gibt es weitere 55 ethnische Minderheiten. Um mehr über diese Volksgruppen und die Integration ihrer Jugend in die chinesische Gesell­schaft zu erfahren, reisten sieben Mitglieder der dbb jugend nrw Anfang August für 11 Tage in die Provinz Yunnan. Hier, im gebirgigen Südwesten des Landes, leben besonders viele ethnische Minderheiten

Yunnan: Jeder dritte Einwohner kein Han-Chinese
Yunnan ist die Provinz Chinas mit der höchsten ethnischen Diversität. Jeder dritte Einwohner Yunnans (38%) ist kein Han-Chinese, sondern zum Beispiel Yi, Ba, Hani oder Dai. Von den 55 in China offiziell anerkannten ethnischen Volksgruppen leben 36 in der Provinz Yunnan, zumeist in abgelegenen und wenig zugänglichen Gebieten des Landes. Von den Han-Chinesen unterscheiden sie sich in Sachen Brauchtum, Sitten und Religion. Manche Volksgruppen sprechen eine eigenständige Sprache und haben gar eigene Schriftzeichen. Welche Integrations- und Partizipations­chancen hat die Jugend in diesen Volksgruppen?
Auf der Suche nach Antworten auf diese Frage trafen sich die Vertreter der Delegation in der Provinzhauptstadt Kunming und im Autonomen Bezirk Dali jeweils mit Vertretern der örtlichen "Kommission für ethnische und religiöse Angelegenheiten". Auch mit dem Vize-Gouverneur des Autonomen Bezirks Chuxiong der Yi im mittleren Norden der Provinz Yunnan traf sich die Delegation zu einem langen und erstaunlich offenen Gespräch. Allein die Tatsache, dass es diese auto­nomen Bezirke überhaupt gibt, ist grundsätzlich als positives Zeichen zu werten.

Förderung von ethnischen Minderheiten in China

Die 11-tägige Reise führte die Gruppe zunächst
nach Peking und dann in die Provinz Yunnan
Stellt eine ethnische Minderheit in einem bestimmten Verwaltungsgebiet eine relativ große Gruppe dar oder ist das Verwaltungsgebiet ihr wichtigstes Siedlungsgebiet, so erhalten sie dort oft einen Sonderstatus. Er steht für ein verändertes Selbstverständnis im Umgang mit ethnischen Minderheiten im Land.

Wurde früher noch von staatlicher Seite versucht, die kulturellen Eigenheiten der Minderheiten gleichzuschalten und abzuschaffen, so hat Ende der 1970er Jahre langsam ein Umdenken stattgefunden. Die Verfassung von 1982 wertete die Minoritäten auf und ein "Autonomiegesetz" von 1984, das 2001 erweitert wurde, gestand ihnen zumindest formell einige Freiheiten zu. Die Minderheiten erhielten eigene Schulen, Radio- und Fernseh­stationen. Die Anfang 1980 eingeführte Ein-Kind-Politik gilt für die Minderheiten nicht. Ihre Sprachen und Schriften werden speziell gefördert. Beim Hochschulzugang benötigen Angehörige der Minderheiten eine geringere Punktzahl als ihre Han-chinesischen Mitbürger.

In der Provinzhauptstadt Kunming stand u.a. der
Besuch der örtlichen Universität auf dem Plan
Arme Kinder haben schlechtere Bildungschancen

Doch reicht dies aus? Die Mitglieder der Delegation fragen nach - bei der Top-Universität der Region: der Yunnan Universität in der Hauptstadt Kunming. Genaue Zahlen, wie viele Angehörige der ethnischen Minder­heiten dort eingeschrieben sind, hat man hier nicht, sagt man. Doch Han-Chinesen sind deutlich über­repräsen­tiert. Das liegt auch daran, dass 80 Prozent der Menschen in Minderheitengebieten immer noch unter­halb der Armutsgrenze leben. Und auch in China gilt: Kinder, die in armen Familien aufwachsen, erfahren schon früh Ausgrenzung und haben meist schlechtere Bildungs- und Aufstiegschancen.
Auch hier wollen es die Mitglieder der Delegation genauer wissen und haken nach - in der "Ethnic Middle School of Dali". Dort - in einer Schule, die finanziell gut unterstützt wird und schon mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde - finden sie engagierte und gut qualifizierte Lehrkräfte vor. Wer hier die Schulbank drückt, ist Mitglied einer ethnischen Minderheit und wird bestens auf eine weiterführende akademische Ausbildung vorbereitet.
Geringe Chancen, der Armutsspirale zu entkommen

Doch der Regelfall ist eine solche Schule nicht, eher die Ausnahme. Die meisten Lehrer in den Minoritäts­gebieten können selber kaum Han-Chinesisch. Das mindert die Chancen der Kinder, der Armutsspirale zu entkommen. Wer eine Universität besuchen oder beruf­lich aufsteigen möchte, benötigt in erster Linie gute Chinesischkenntnisse. Und obwohl Peking die Minder­heits­gebiete mit Subventionen fördert, werden die Prioritäten hier nicht immer auf den Zugang zu Bildung gelegt. Im weit abgelegenen und nur schwer zugänglich mitten in den Bergen gelegenen Dorf Tuanjie, das die Delegation nach langer und abenteuerlicher Autofahrt erreicht, zeigt man stolz die neu gebauten Häuser mit schicken Wandgemälden vor. Doch eine Schule gibt es im Dort nicht. Die nächste Schule ist weit entfernt und der Schulweg lang und umständlich.

Auch dem abgelegenen und schwer zugänglichen
Dorf Tuanjie stattete die Gruppe einen Besuch ab
Eine Sache ändert sich auf jeden Fall: Die zurzeit stark wachsende Tourismusbranche des Landes hat die ethnischen Minderheiten für sich entdeckt und bietet eine große Zahl von Reisen in die Minoritätsgebiete an. Der Tourismus hilft, das Einkommen und die Ausbildung - und damit auch den Lebensstandard und die Lebens­qualität der Menschen - vor Ort zu ver­bessern.
Video-Interviews
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Was sagen die Teilnehmer über die Reise nach China?
Ob der wachsende Strom von Touristen für den Erhalt der kultu­rellen Identität der ethnischen Minderheiten letztendlich hilfreich ist oder ob die regio­nalen Traditionen und Bräuche dadurch langfristig zu reinen touristischen Show­veranstaltungen ver­kommen, wird sich erst in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten zeigen.