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Warum Aggression und Gewalt zunehmen
13.09.2017  
Respekt vorm Vorgesetzten? Nee, der hat doch keine Ahnung! Gehorsam, bloß weil jemand eine Uniform trägt? Im Leben nicht - die Zeiten sind vorbei! Unsere Gesellschaft hat sich geändert. Doch nicht für alle ist das gut.

Einen gezielten Faustschlag ins Gesicht musste der Zugbegleiter einstecken, weil ein Schwarzfahrer das erhöhte Beförde­rungs­geld nicht zahlen wollte, so erzählt er. Lehrer berichten von Situationen im Schulwerkraum, in denen sie befürchteten, mit Werkzeug attackiert zu werden. Und wer auf dem Amt eine für den Bürger schlechte Nachricht überbringt, muss manchmal in Deckung gehen. Das sind kleine Ausschnitte aus der Realität von Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Auch wenn es nicht immer körperliche Angriffe sind: Respektlosigkeit hat sich breit gemacht. Die Schwelle zu Gewalt - verbal oder körperlich - wird immer schneller übertreten.

Respekt schwindet - besonders der vor Autoritäten

Professor Tilman Eckloff hielt auf der Konferenz der dbbj nrw ein Impulsreferat zum Thema "Respekt"
Warum aber ist das so? Dieser Frage gingen Mitglieder der dbb jugend nrw aus den verschiedensten Bereichen des Öffentlichen Dienstes bei der 3. Sicherheits­kon­fe­renz des gewerkschaftlichen Jugenddachverbandes nach. Junge Bahnbeschäftigte waren darunter, Poli­zis­ten, Lehrer, Finanzbeamte und Kommunalbeschäftigte. "Seit einiger Zeit kann man beobachten, dass posi­tionaler Respekt abnimmt - das ist der Respekt, der von der Position eines Menschen ausgeht", sagt auch der Wirtschaftspsychologe und Mitbegründer der inter­diszi­plinären RespectResearch-Group, Professor Tilman Eckloff. Er stand den jungen Gewerkschaftern als Impuls­geber bei der 3. Sicherheitskonferenz Anfang September in Düsseldorf zur Seite.

Sein Forschungsfeld: Respekt. Seine Erkenntnis: Auto­ri­tä­ten werden nicht mehr einfach anerkannt, bloß weil sie eine bestimmte Position innehaben. Das zeigt sich beim Chef ebenso wie bei Polizisten oder Lehrern. Statt­dessen lassen sich immer mehr Menschen bei der Entscheidung, wem sie Respekt zollen wollen und wem nicht, von einem diffusen inneren Gefühl leiten.

Hierarchien werden flacher
Das hat positive Auswirkungen, weil Hierarchien flacher werden. Preußischen Gehorsam gibt es nicht mehr - und denn will auch kaum jemand zurück. Doch diese Entwicklung bringt dennoch auch große Probleme mit sich - und die bekommen ausgerechnet die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst zu spüren: Autoritäten werden dort nicht mehr wahrgenommen. Das Ergebnis: Rettungssanitäter werden angegriffen, wenn sie mit ihrem Einsatzfahrzeug den Weg versperren, Polizistinnen werden als Schlampe bezeichnet und Lehrer sind schon für Grundschüler keine Respekt­person mehr.

Wenn solche Ausfälle passieren, dann versagt selbst das, was der Experte als "horizontalen Respekt" beschreibt: der Respekt nämlich, den man vor anderen Personen hat, weil man sie als gleichwertige Menschen wahrnimmt, ihnen auf moralisch gleicher Ebene begegnet. Er kann verloren gehen, wenn Menschen mit verschiedenen Sichtweisen aufeinander treffen und jeder seine Sichtweise für die einzig richtige hält. Mitunter werden Menschen gleiche Rechte einfach abgesprochen. Mitarbeiter werden bespuckt oder ihnen gegenüber werden ganz selbstverständlich Mord­drohungen ausgesprochen.

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Wie schnell das passieren kann, zeigt ein kurzes Experiment, an dem die Teilnehmer der Sicherheitskonferenz selber teilnehmen. Die Gruppe wird in zwei Teile geteilt. Eine Gruppe schließt die Augen. Die andere bekommt ein Bild mit einer schematisch dargestellten Maus gezeigt. Dazu die Information, dass es sich um eine Maus handele. Dann schließt diese Gruppe die Augen und die andere Gruppe sieht in der Zwischenzeit ein Bild, das den Kopf eines Mannes darstellen soll. Danach zeigt Eckloff beiden Gruppen für nur wenige Sekunden eine schematische Darstellung, die Merkmale beider zuvor gezeigten Bilder enthält. Das Ergebnis: Während die Maus-Gruppe klar eine Maus darauf gesehen haben will, behauptet die Mann-Gruppe, den gezeigten Mann wiedererkannt zu haben. Beide Gruppen sehen das gleiche, erkennen aber gänzlich unterschiedliche Dinge.

So schnell entsteht Unterlegenheit

Ein gutes Beispiel dafür, wie unterschiedliche Sichtweisen zustande kommen und für die Betroffenen als einzig wahre Offenbarung gelten können. Überträgt man dieses Wissen auf die Arbeit in den Behörden, zeigt sich: Während der Beschäftigte im Sozialamt durch die Brille der amtlichen Vorgaben und Gesetze auf einen Antrag blickt und ihn deswegen ablehnt, kann der betroffene Bürger das aus seiner Perspektive nicht als richtige Entscheidung erkennen. Für ihn ist die Ablehnung ungerecht, entwürdigend oder reine Schikane. Er fühlt sich unterlegen. Der Konflikt ist vor­programmiert.

Behörden, in denen sich Amtsleitungen beispielsweise entschieden haben, zum Schutz der Mitarbeiter Sicher­heits­dienste an den Pforten oder auch in den Fluren zu beschäftigen, versuchen fehlenden positionalen Respekt mit dem zu kompensieren, was "Hindernisrespekt" genannt wird. In einer praktischen Übung mit den Teilnehmern der Sicher­heits­konferenz warb Eckloff dafür, andersartige Meinungen, Sichtweisen und Unterschiedlichkeit nicht nur wahrzunehmen, sondern auch anzuerkennen und nicht Menschen abzuwerten, weil sie anders sind oder anders denken als man selbst.

20 junge Beschäftigte aus dem Öffentlichen Dienst waren zur 3. Sicherheitskonferenz erschienen
Staatsdiener empfangen stellvertretend Prügel

Für Beschäftigte im Öffentlichen Dienst ist das jedoch ein echtes Dilemma. Ihr Handlungsspielraum im Job ist oftmals begrenzt. Und als Vertreter des Staates werden sie schnell als übergeordnet und bestimmend wahr­ge­nommen und beziehen daher leicht Prügel stellv­er­tre­tend für den Staat, der als ungerecht empfunden wird.

Dieses Dilemma ist nicht leicht zu lösen. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen. "Wenn ich meinem Gegenüber signalisiere, dass ich seine Situation verstehe, stelle ich wieder ein bisschen gleichberechtigte Augenhöhe her", so einer der Teilnehmer. Solche und andere Strategien helfen vielleicht dabei, schwierige Gesprächssituationen zu erkennen und rechtzeitig für eine Deeskalation zu sorgen. Damit es erst gar nicht zu Gewalt kommt.