impressum & datenschutz kontakt drucken suchen
 
Startseite Die dbbj nrw Aktuelles Arbeitsfelder Seminare Fotoalben Downloads
Von Partizipation und einer Spezialität die den Chinesen Angstschweiß auf die Stirn trieb
13.08.2018  
"Jugend ist unsere Zukunft" - klingt abgedroschen, stimmt aber nach wie vor. Doch wer die Zukunft sein soll, der muss auch schon die Gegenwart mitbestimmen dürfen. Wie Partizipation junger Menschen in Deutschland funktioniert und welche Unterschiede es da zu China gibt, erkundete jüngst die dbb jugend nrw mit sechs Gästen ihres chinesischen Partnerverbandes.

Mit einer 6-köpfige Delegation aus dem Reich der Mitte besuchte der gewerkschaftliche Jugenddachverband aus Nord­rhein-Westfalen Ende Juni vier Tage lang unterschiedliche Projekte und Institutionen, die sich Partizipation von Kindern und Jugendlichen auf die Fahne geschrieben haben. Mit großem Erfolg und spannenden Begegnungen.

Zum Auftakt des Fachprogramms ging es
in die Eifel zur Ordensburg Vogelsang
Führung durch ehemalige NS-Kaderschmiede

Die erste Station der Gruppe - die Ordensburg Vogel­sang - liegt landschaftlich wunderschön in der Eifel. Die von den Nationalsozialisten errichtete Burg diente der Ausbildung parteitreuer junger Männern für den Nach­wuchs des NSDAP-Führungskaders. Seit 2006 gibt es auf dem Gelände ein Besucherzentrum. Vielfältige Führungen und Workshops werden dort angeboten. Um richtig und falsch geht es dabei weniger. Vielmehr soll über die Mechanismen aufgeklärt werden, die die Nazis für ihre Indoktrination anwandten. Dabei soll den Besuchern verdeutlicht werden, dass es trotz äußerer Zwänge immer verschiedene Entscheidungs­möglich­keiten gibt. Die Kernbotschaft: Jeder muss für das eigene Handeln Verantwortung übernehmen.
Nach dem doch sehr ernsten Thema nutzte die dbb jugend nrw den Nachmittag, um den Gästen bei einer Schiffs­rundfahrt auf dem Rursee die schöne Landschaft zu zeigen. Dabei gab es auch Raum für den Austausch mit ehrenamtlichen Mitgliedern der dbb-Kreisjugendgruppe Aachen, die die Gruppe an diesem Tag begleiteten.

Mitbestimmung auch dort, wo man sie kaum vermutet


Um Partizipation junger Menschen live zu erleben, besuchte die Delegation am nächsten Vormittag einen Ort, den man eher nicht mit Mitbestimmung im großen Stil verbindet: ein Gymnasium. Genauer: das Dalton-Gymnasium Alsdorf. Die Schülerinnen und Schüler können sich hier nicht nur durch die Schülervertretung einbringen, sondern drei Stunden Unterricht am Tag selbst gestalten. Das Konzept dieser besonderen Schule räumt den Kindern und Jugendlichen Schul­stunden ein, in denen sie selbst entscheiden können, was sie lernen möchten, bei welchem Lehrer, in welchem Raum und mit welchen Freunden.

Durch diese sogenannten Dalton-Stunden lernen die Schüler nicht nur, sich selbst zu organisieren, sondern sie lernen auch verschiedene Lernmethoden kennen. Wie sie diese einsetzen, bestimmen sie ganz individuell. Die Chinesen staunten, denn: Es funktioniert! Selbstbewusst führten die 15-jährigen Schulsprecher durch ihre Schule und beantworteten auf Englisch alle Fragen der Delegationsmitglieder. Die Gäste waren begeistert - von dem Konzept und der Größe der Klassen, denn: In chinesischen Klassenzimmern tummeln sich nicht selten 70 bis 100 Schüler.
Ein Jahr Auszeit - in China undenkbar

Sehr engagiert in Sachen Partizipation junger Menschen ist auch die Städteregion Aachen. Wie die Fachkräfte aus China erfuhren, wurde dort extra eine Koordi­nierungs­stelle eingerichtet, um junge Schüler­ver­tre­tungen anzuleiten, fortzubilden und sie zu ermutigen, sich einzubringen und vor Ort eigene Projekte umzu­setzen. Hierfür wurden eigens eine Teilzeit-Stelle und zwei FSJ-Stellen geschaffen. Das Konzept der Frei­willigen­arbeit für ein ganzes Jahr und die damit einhergehende persönliche Weiterentwicklung stieß bei den chinesischen Gästen auf Begeisterung. In China ist ein solches Konzept momentan nicht denkbar. Der harte Konkurrenzkampf unter den jungen Leuten um die besten Schulnoten und die besten Studienabschlüsse lässt ein Jahr "Auszeit" nicht zu.

In Aachen besuchten die Gäste aus Fernost
das Haus der Städteregion
Auch die Sportjugend Nordrhein-Westfalen gewährte der Gruppe einen Einblick in ihre Arbeit, die Partizipations­möglichkeiten für junge Mitglieder und das FSJ-Programm. Die chinesischen Delegationsmitglieder waren beeindruckt vom Konzept der Ehrenamtsarbeit in einem Sportverein. Das Problem schwindender Freizeit durch längere Schulzeiten, das in den letzten Jahren in Deutschland immer weiter Einzug hält, ist in China noch viel stärker ausgeprägt. Auch die Sportjugend NRW arbeitet seit geraumer Zeit mit dem chinesischen Partnerverband der dbb jugend nrw eng zusammen und nutzte die Gelegenheit, die Entwicklung von China in den vergangenen Jahren zu einem weiteren Thema des Austauschs zu machen. Schnell kam man auch hier in einen konstruktiven und erstaunlich offenen Dialog.

Empfang durch Beigeordneten der Stadt Ratingen

In Ratingen wurde die Gruppe vom Beigeordneten Oliver Flohr empfangen. Hier ging es um den Wirtschaftsstandort Ratingen und insbesondere um politische Jugendpartizipation. Außerdem gab es für die chinesische Delegation noch eine Stadtführung mit allerhand spannenden Informationen zur Stadtgeschichte sowie zu allgemeinen Fakten und Traditionen in Deutschland seit dem Mittelalter.
Auch in Ratingen machte die Gruppe Station
Foto: (c) by Stadt Ratingen
Nachdem die Gäste aus Fernost im Laufe des Besuchs sowohl italienische Spezialitäten als auch Haxe probiert hatten, gab es am letzten Abend ein klassisches Abend­brot mit Frikadellen, Brot und einer Wurstplatte. Eifrig probierten und lobten alle die Spezialitäten. Dann kam die Frage auf, wie denn das rosa Fleisch in der Mitte der Fleischplatte eigentlich zubereitet worden sei. Die Antwort "Das ist Mett - also rohes Schweinefleisch" ließ alle Chinesen einen halben Meter zurückweichen und aufgeregt diskutieren. Es brauchte eine ganze Menge Überzeugungskraft und die Bestätigung des Kellners, dass der Genuss nicht zu einer Lebensmittelvergiftung führt. Dann wurde auch der Rest des Metts aufge­gessen. Ge­schmeckt hat es wohl!