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Israelis in NRW: ein Besuch mit Gänsehautmomenten
12.06.2019  
"Junge Geflüchtete: Herausforderungen und Potentiale für das Aufnahmeland" - das war das Thema des Fach­kräfte­besuchs einer 7-köpfigen Delegation aus Israel bei der dbb jugend nrw Mitte Mai. Es war ein Besuch mit Gänse­haut­momenten.

Wie gestaltet sich in Nordrhein-Westfalen die Arbeit mit jungen Geflüchteten? Welche Chancen sieht man hier - und welche Herausforderungen gibt es? Diese Fragen standen im Vordergrund des 6-tägigen Besuchs einer Gruppe von Sozialamtsleitern aus Israel in NRW.

Großes Lob für Bürger und Verwaltung in Altena
Zum Auftakt des Programms hatte die dbb jugend nrw ein Treffen mit dem Bürgermeister von Altena organi­siert. Andreas Hollstein nahm sich einen Vormittag Zeit, um der Delegation von den Anfängen des Flüchtlings­zuzugs im Jahr 2015 zu berichten und von den Entwick­lungs­schritten, die seither gemacht wurden. Ins­beson­dere für seine Bürgerinnen und Bürger sowie die Beschäftigten der Verwaltung fand er großes Lob: Sie hätten gemeinsam viel erreicht und seien bereit gewesen, starre Strukturen zu überdenken, um flexibel auf die herausfordernde Situation zu reagieren.

Bevölkerung, Wirtschaft und Verwaltung hätten die Poten­tiale der Zuwanderer erkannt und die Integration liefe erfolgreich. Den Erfolg führte Hollstein darauf zurück, dass in Altena schon vor dem Jahr 2015 in bürgerschaftliches Engagement investiert wurde. Als es erforderlich war, konnte dann auf diese Strukturen zurück­gegriffen werden. Ehrenamtliche übernahmen die Rolle sogenannter "Kümmerer" und betreuten die neu zugezogenen Familien ganz intensiv.

In Altena wurde die Delegation aus Israel von Bürgermeister Andreas Hollstein empfangen
Nicht alle Bürger der Stadt teilten damals wie heute die Überzeugung, dass es der Stadt gut tue, weitere Zuwanderer aufzunehmen. Andreas Hollstein und seine Familie wurden in den sozialen Medien, per Brief sowie am Telefon beschimpft und bedroht - bis hin zu einer Messerattacke auf Hollstein im November 2017, die dieser mit Glück überlebte.

"Nie wieder" muss mehr sein als eine Floskel

Auf die eindrückliche Schilderung folgte ein angeregter Austausch mit den Gästen aus Israel, die von Hollstein wissen wollten, was ihn motiviere, trotz des Erlebten und der offensichtlichen Gefahren für ihn und seine Familie weiter­zu­machen. Im zweiten Weltkrieg hätten zu viele Menschen weggesehen, machte Hollstein seine Position deutlich. Man müsse Haltung zeigen, damit "nie wieder" nicht eine Floskel bleibe.

Auch der Oberbürgermeister der Stadt Remscheid, Burkhard Mast-Weisz, den die Delegation einige Tage später besuchte, beeindruckte die Gäste mit seiner klaren Haltung und seinem großen Engagement für die Bürgerinnen und Bürger seiner Stadt. Die Kreisjugendgruppe Remscheid hatte den Termin arrangiert, an dem auch die Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt teilnahm und die Herausforderungen und Strategien für eine erfolgreiche Integration darlegte.

Im Gedenk- und Informationszentrum klingt Hoffnung

Ein besonderes Zeichen setzte die Gruppe im
Gedenk- und Informationszentrum in Remscheid
Den Besuch des Ernst-Moritz-Arndt Gymnasiums machte die Kreisjugendgruppe ebenfalls möglich. Eine Schülerinitiative hat dort mehrere Orte der Erinnerung geschaffen: Stolpersteine, eine Gedenktafel und ein Baum mit sieben Ästen erinnern an die jüdischen Schüler, die damals das Jungengymnasium der Stadt Remscheid besucht hatten. Gemeinsam mit ihrem Schulleiter richteten die Schülerinnen und Schüler im alten Pferdestall der Polizeiwache ein Gedenk- und Informationszentrum ein. Da die Zellen und Keller der Polizeistation bereits voll belegt waren, wurden Remscheider Juden und andere Verfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus hier vor ihrer Deportation fest­ge­halten und von hier aus in den Tod geschickt. Zum Gedenken an die Ermordeten zündete die Delegation an Ort und Stelle Kerzen an und sang spontan die jüdische Nationalhymne "HaTikvah" - auf Deutsch: die Hoffnung.
9.000 Geflüchtete in nur drei Wochen mit dem Nötigsten versorgt
Bei weiteren Fachterminen lernten die Gäste aus Israel die Arbeit mit Geflüchteten an ganz konkreten Beispielen kennen. In Dortmund besuchten sie die Migranten­selbst­organisation "Train of Hope". Als der Dortmunder Hauptbahnhof im Jahr 2015 als Drehscheibe für die Verteilung ankommender Flüchtlinge nach ganz NRW genutzt wurde, fanden sich über die sozialen Medien schnell viele Freiwillige, die die Menschen mit dem Nötigsten versorgten: Essen, Kleidung und einen Ort, um sich auszuruhen. Die Freiwilligen kamen über­wiegend aus der Nordstadt, einem multikulturellen Stadtteil Dortmunds, und konnten die Neuankömmlinge in ihrer Muttersprache darüber informieren, wie es nun weitergehen würde. Das Engagement war so beein­druckend, dass sogar in der New York Times darüber berichtet wurde, wie in nur drei Wochen fast 9.000 Menschen versorgt wurden.

Großes ehrenamtliches Engagement lernte die
Gruppe bei "Train of Hope" in Dortmund kennen
Auch wenn heute keine Züge mit Geflüchteten mehr in Dortmund ankommen, ist die Hilfsbereitschaft nach wie vor vorhanden, erklärte die Vorsitzende des Vereins Fatma Karacakurtoglu. Überrascht von so viel ehrenamtlichem Einsatz trieb die Delegation aus Israel vor allem eine Frage um: Arbeitet in Deutschland auch irgendjemand für Geld oder engagieren sich alle rein ehrenamtlich für die Gemeinschaft?

In der Talentwerkstatt in Mühlheim kamen die
Israelis mit vielen Ehrenamtlern ins Gespräch
Nicht nur über Geflüchtete reden - auch mit ihnen

Nicht nur über Geflüchtete zu reden, sondern auch mit ihnen ermöglichte der Besuch einer Talentwerkstatt des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE) in Mülheim. In diesem Ladenlokal machen Ehrenamtliche mit und ohne Fluchterfahrung gespendete Fahrräder wieder fit, um sie dann kostenlos denjenigen zur Ver­fügung zu stellen, die sich kein Rad leisten können. Mittlerweile hat sich das Ladenlokal zu einem festen Treff­punkt im Stadtteil entwickelt, der auch für Sprach­kurse und Kreativworkshops genutzt wird. Die Dele­ga­tion äußerte sich anerkennend über die geleistete Arbeit und fragte besonders die Menschen mit Fluchterfahrung nach ihrer Geschichte und ihrer Motivation, sich ehrenamtlich zu engagieren.
In Mühlheim besuchte die Gruppe auch die Sozialagentur der Stadt, in der Sozialamt, Jobcenter und Jugendamt eng zusammenarbeiten. Der stellvertretende Sozialamtsleiter Thomas Konietzka empfing die Delegation mit vier weiteren Fachkollegen und stellte die verschiedenen Stationen vor, die neuankommende Geflüchtete in der Stadt durchlaufen.

Innovative Ideen in Aachen

Auch Aachen lernte die Gruppe während ihres Aufenthalts in NRW kennen. Hier traf die Delegation mit Timur Bozkir und Saskia Wilms vom Kommunalen Integrationszentrums der Städteregion zusammen, die ihrerseits innovativen Ideen vorstellten, mit denen sie insbesondere junge Geflüchtete zwischen 18 und 27 Jahren unterstützen. Verschiedene Ämter, mit denen junge Geflüchtete zu tun haben, haben sich hier zusammengeschlossen, um individuell jeden best­möglich betreuen und fördern zu können. Auch beim Jugendamt der Stadt Aachen hatte die Gruppe einen interessanten Termin, bei dem ihnen das deutsche Jugendhilfesystem vorgestellt wurde.

Einen tollen Abschluss bildete das Fest zum Israel-Tag, das die Stadt Düsseldorf just auf den letzten Abend des Aufenthalts der israelischen Gäste gelegt hatte. Auf dem Düsseldorfer Schadowplatz hatte die Gruppe die Möglichkeit zum Austausch mit in Deutschland lebenden Juden und zum ausgelassenen Tanzen. Es war ein gelungener Abschluss eines ereignisreichen, spannenden und wahrlich beeindruckenden Austauschs.