impressum & datenschutz kontakt drucken suchen
 
Startseite Die dbbj nrw Aktuelles Arbeitsfelder Seminare Fotoalben Downloads
Zu wenig Bewerber: Dieses Fresh-up braucht der Öffentliche Dienst
09.01.2020  
So viele Überstunden, dass man sie gar nicht mehr zählen kann, Arbeitsverdichtung und Fachkräftemangel. All das macht den Öffentlichen Dienst als Arbeitgeber nicht besonders beliebt unter Neubewerbern. Was getan werden muss, um junge Leute dafür zu begeistern.

Früher in Rente gehen zu können als andere oder bereits vor der Rente die Arbeitszeit zu reduzieren, ohne eine Gehaltseinbuße zu haben - mehr als ein schöner Traum? Ja, wenn es nach den Vorstellungen der dbb jugend nrw geht. Denn die Idee von Lebensarbeitszeitkonten, mit denen so etwas möglich wäre, ist eine der Kernforderungen, die der gewerkschaftliche Jugenddachverband verfolgt. Das Ziel: Den Öffentlichen Dienst als Arbeitgeber für junge Leute attraktiver zu machen.

Unattraktiver Öffentlicher Dienst: 13.500 Stellen sind unbesetzt


Denn mehr als 13.500 Stellen sind im Öffentlichen Dienst in Nordrhein-Westfalen nicht besetzt. "Das hat Gründe, über die wir in Anbetracht dieser gigantisch hohen Zahl an offenen Stellen nicht hinweg sehen dürfen", sagt Moritz Pelzer, Vorsitzender der dbb jugend nrw. Diese Zahl mache deutlich, wie groß inzwischen das Attraktivitätsproblem des Öffentlichen Dienstes sei.

Schon seit einiger Zeit geht die dbb jugend nrw als gewerkschaftliche Jugenddachorganisation für die jungen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst darum der Frage nach, was sich verändern muss, um gerade von jungen Menschen wieder als interessanter Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

Überstunden noch und nöcher - Auszahlen uninteressant

Änderungen sind nötig, damit sich junge Menschen für den Öffentlichen Dienst als Arbeitgeber begeistern
Aus der Innenansicht weiß Pelzer selbst, wie sehr sich unter anderem durch Personalmangel die Arbeits­belastung verdichtet. Der Mangel an Fachkräften sorge zudem dafür, dass sich diese Situation zeitnah nicht ändern werde. Viele Beschäftigte aus dem Öffentlichen Dienst berichten, wie in ihren Arbeitsbereichen die Zahl an Überstunden in den letzten Jahren immer weiter angewachsen ist.

"Sich die Überstunden auszahlen zu lassen, ist für die meisten unattraktiv", sagt Pelzer. Durch Lebens­arbeits­zeitk­onten würde das anders. "Wir sehen das darum als zentrale und wichtige Jugendforderung", sagt Moritz Pelzer. Ganz neu ist das im Öffentlichen Dienst nicht. Schon jetzt gibt es in Einzelfällen Modelle, in denen Überstunden auf Ansparkonten für einige Jahre ge­sammelt werden können. "Beim Hessischen Städte­tag besteht eine solche Möglichkeit bereits", sagt Pelzer.
Immer mehr Beschäftigte wünschen Freizeit statt Geld

Der Lebensplanung vieler junger Menschen komme das entgegen: Sie können solch angesparte Stunden für ein Sabbatical oder über Elternzeit hinaus zur Kinderbetreuung oder als Familienzeit nutzen. Denn aus Umfragen, wie es sie beispielsweise anlässlich der Tarifverhandlungen bei der Deutschen Bahn gegeben hat, sei bekannt, dass für viele Beschäftigte neben der Aussicht auf mehr Geld die Freizeit einen immer höheren Stellenwert bekommt. Die Beschäftigten erhalten seitdem eine Wahlmöglichkeit. Sie können statt mehr Gehalt mehr Freizeit haben. Anstatt ab Juli 2020 eine Lohnerhöhung von 2,6 Prozent zu bekommen, haben die Mitarbeiter die Option, entweder sechs Tage mehr Urlaub oder eine Arbeitszeitverkürzung zu wählen.

Einen weiteren Grund für die Probleme bei der Besetzung der vielen offenen Stellen sieht die dbb jugend nrw zudem in der hohen Wochenarbeitszeit. Diese beträgt derzeit 41 Stunden. "NRW zählt damit zu den Bundesländern mit der höchsten Wochenarbeitszeit", sagt Pelzer. Diese sei eigentlich 2003 zur Haushaltsentlastung nur vorübergehend und befristet auf fünf Jahre von der Landesregierung eingeführt worden. Seitdem werde diese Regelung ohne jeglichen finanziellen Ausgleich ständig verlängert und sei zur Dauerlösung geworden.

Zurück auf 39 Stunden-Woche

"Jetzt ist es an der Zeit, die Vorschusslorbeeren zurückzuzahlen und wieder auf eine 39-Stunden-Woche zurück­zu­kehren", sagt Pelzer. Die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes hätten nun genug für die Schuldenbremse getan. Um junge Leute für die Arbeit im Öffentlichen Dienst zu begeistern, taugen solche Kostensparmodelle auf den Schultern der Beschäftigten nicht. Neben einer angemessenen Bezahlung sei Freizeit und eine gute Work-Life-Balance als Attrak­ti­vi­täts­faktor wichtiger denn je.

Arbeitgeber sollten die Gesundheit der Mitarbeiter fördern
"Wir sehen dringenden Verbesserungsbedarf bei den Vorsorgemöglichkeiten, der technischen Ausstattung, Flexi­bili­sierung von Arbeit und Lebensarbeitszeitkonten sowie Kooperationen im Zusammenhang mit dem betrieblichen Gesundheitsmanagement zur körperlichen und psychischen Gesunderhaltung", sagt Pelzer. Dazu zählen Vorsorgemöglichkeiten bei Stress und starker psychischer Belastung, zeitnahe Hilfe in akuten Be­las­tungs­situationen aber auch Anreize zur körperlichen Gesunderhaltung wie die vergünstigte Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio.

Das durchzusetzen soll auch weiterhin auf der Agenda der dbb jugend nrw stehen, betont Pelzer: "Wir werden nicht locker lassen, in allen politischen Gesprächen klar zu stellen, dass ein attraktiver Öffentlicher Dienst die Grundvoraussetzung für einen funktionierenden Staat ist."

Moritz Pelzer ist seit dem Jahr 2017
ehrenamtlicher Vorsitzender der dbb jugend nrw