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"Ich weiß, wie es ist, angestarrt zu werden"
01.06.2022  
Marie Schmitz-Moormann ist Polizistin mit Migrationsgeschichte. Man sieht es ihr auf den ersten Blick an. Das bringt Erlebnisse zum Schmunzeln mit sich. Aber auch das krasse Gegenteil.

Deutschland gilt als Einwanderungsland. Beinahe jeder Vierte hat einen Migrationshintergrund. Das allerdings spiegelt sich im Polizeidienst bislang wenig wider. Berlin ist das Bundesland mit dem höchsten Anteil Neueingestellter mit Einwanderungsgeschichte. Er lag im Jahr 2020 bei 33,1 Prozent - so hoch, wie auch der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an Berlins Gesamtbevölkerung ist. Zum Vergleich: In NRW liegt der Anteil eingestellter Polizisten und Polizistinnen mit Migrationsgeschichte nur bei rund 15 Prozent.

Marie Schmitz-Moormann kommt aus NRW. Als sich die junge Frau bei der Polizei bewirbt, witzelt sie gegenüber ihrer Mutter: "Ich muss mal ein bisschen Farbe ins Spiel bringen." Was sie damit meint: Marie ist Schwarz.

Ein Kindheitstraum führte in den Beruf
(c) Melanie Schröder
In ihrem Beruf als Polizistin erlebt Marie manchmal Anfeindungen aufgrund ihrer Hautfarbe
Foto: (c) Melanie Schröder
Auch wenn die Polizei schon seit vielen Jahren offensiv junge Menschen mit Einwanderungsgeschichte wirbt, hat das für Marie nicht den Ausschlag gegeben. Po­li­zis­tin zu werden war ihr Kindheitstraum. "Als ich Kind war, hatten wir ein Café. Dorthin kam öfter ein Polizist mit seinem Polizeimotorrad und ließ mich darauf sitzen", erinnert sie sich. Sie versprach dem Beamten, zur Po­li­zei zu gehen, wenn sie groß ist. "Ich habe immer schon meine Versprechen gehalten", sagt die junge Frau.

Seit 2012 ist sie bei der Polizei. Nach dem Studium war sie zunächst ein Jahr auf der Wache, dann viele Jahre bei der Bereitschaftspolizei. Bald wird sie für die Fort­bildung der Kolleginnen und Kollegen zuständig sein.

Außer in der Optik würde sich ihre Migrationsgeschichte eigentlich kaum widerspiegeln, sagt die junge Beamtin. Dennoch ist sie sich bewusst, dass diese für andere manchmal eine Rolle spielt.

"Im Traum war ich ein weißes, blondes Mädchen"

Wie kann das sein, dass man einen Elternteil mit ausländischen Wurzeln hat, aber diese andere Kultur kaum eine Bedeutung hat? "Mein Vater kam aus Ghana. Er ist gestorben, als ich vier Jahre alt war", erklärt die junge Frau. Darum sei sie vollkommen "weiß" aufgewachsen. "Wenn ich als Kind geträumt habe, war ich ein blondes, weißes Mädchen", sagt sie und liefert gleich die Erklärung dafür: "Ich hatte keinen Spiegel - habe keine anderen dunklen Menschen ge­se­hen."
In der Realität jedoch spürt sie, dass sie am Ende doch irgendwie anders ist. "Äh, guck mal, eine schwarze Polizistin - das hab ich ja noch nie gesehen", an solche Aussprüche Vorbeieilender hat sich Marie längst gewöhnt.

Migrationsgeschichte hilft, manche Situationen besser zu verstehen

"Ich weiß, wie es ist, angestarrt zu werden", sagt sie. Aus dieser Perspektive betrachtet könne sie leichter verstehen, warum manchmal andere in ähnlicher Situation gereizter reagieren. Sie gehe manchmal offener in Situationen hinein und schaue hinter die Kulissen, sagt sie. Das sei einer der Vorteile, die mit ihren anderen Wurzeln zu tun habe.

Auf der anderen Seite sei es für sie beinahe unmöglich, nicht ständig im Fokus zu stehen. Sie könne niemals unter anderem richtig "abtauchen", weil sie mit ihrer Hautfarbe im Polizeiberuf immer im Fokus stünde. "Alle schauen bei allem, was ich tue, ganz genau hin. Ich muss alles besonders genau und akkurat machen, mich doppelt und dreifach gut verhalten", erzählt die Polizistin. Das könne eine Bürde sein. Es sei unmöglich, sich permanent 120 Prozent korrekt zu verhalten.

Runtergemacht wegen der Hautfarbe
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Sie erinnert sich an Situationen, in denen sie aufgrund ihrer Hautfarbe hart auf die Probe gestellt wurde: Einmal, es war kurz vor Abschluss ihres Studiums, habe sie bei einem nächtlichen Einsatz den Streifenwagen noch geparkt und dann an einer Ampelkreuzung am Einsatzort gestanden. An einer Dönerbude mitten auf einer Partymeile. Plötzlich nimmt Marie einen Mann wahr, der sie eine ganze Zeit lang mustert und dann sagt: "Watt bist du denn? Seit wann dürfen denn Neger bei der deutschen Polizei arbeiten?" Sie rief die Kollegen zur Unterstützung, um die Situation nicht eskalieren zu lassen und hielt sich selbst im Hintergrund. Solch emotionale Situationen sind auch für die geübte Polizistin nicht immer leicht zu meistern.

Hollywoodreifes Erlebnis, das unter die Haut geht

Doch dann gibt es auch die Erlebnisse, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe erlebt hat, die fast wie aus einer anderen Welt sind: "Wir wurden in die Kinder- und Jugendpsychiatrie gerufen, weil dort ein Jugendlicher unter Einfluss einer Psychose vollkommen ausrastete. Er war nicht mehr zu bändigen", erinnert sich Marie. Als die Polizei ankam, tobte er durch einen Raum, der durch Glasscheiben von außen einsehbar war, von Tisch zu Tisch.

"Ich stand vor der Scheibe und er von der anderen Seite und schaute mich an. Dann hat er auf der Glasscheibe seine Hand genau an meine gelegt und er wurde ruhig. Es war wie als würde er denken: Da sieht eine aus wie ich. Das war ein krasser Moment", erzählt sie, denn auch er war Schwarz. Marie war sich danach sicher, dass sie in den Raum gehen kann, ohne dass der Jugendliche sie angreifen würde. So ließ sich die Situation unter Kontrolle bringen.

Sie finde es wichtig, dass sich auch Menschen anderer Herkunft bei der Polizei und im Öffentlichen Dienst insgesamt bewerben, weil es wichtig sei, dass sich die Gesellschaft dort spiegle. Man müsse mehr Gesichter von Menschen mit Migrationsgeschichte sehen, um diese Zielgruppe zu motivieren, sich zu bewerben. "Berlin hatte eine coole Werbe­kampagne, in der unfassbar viele Gesichter und Nationalitäten gezeigt wurden", sagt Marie. Dort hat es etwas in Gang gebracht. Zumindest dort ist die Polizei ein Spiegel der Gesellschaft.