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FöV-Studie markiert neue Eckpunkte von Hass und Gewalt
22.07.2022  
Einer von vier Beschäftigten im Öffentlichen Dienst hat schon Gewalt erlebt, lautet das Ergebnis einer großen Umfrage, die das Bundesinnenministerium in Auftrag gegeben hat. Was sind die zentralen Ergebnisse und was schlagen Innen­ministerin Faeser und Experten jetzt vor?

Alle Beschäftigten aus den neuralgischen Bereichen wie Berufsfeuerwehr, Rettungsdienst, Justiz, Justizvollzug, Sozial- und Arbeitsämtern und auch dem Ordnungsamt waren gefragt. 10.000 Beschäftigte aus 1600 Behörden beteiligten sich und lieferten damit neue schockierende Ergebnisse in zwei Umfragen, die das Deutsche Forschungsinstitut für öffent­liche Verwaltung (FöV) im vergangenen Jahr durchführte (die dbb jugend nrw berichtete). Das Ergebnis: 23 Prozent der Beschäftigten haben bereits Gewalterfahrungen bei der Arbeit gemacht. Zwölf Prozent erlebten sogar mehrere Über­griffe innerhalb eines Jahres. Die Zahlen stiegen mit Ausnahme der Bildungs- und Sozialverwaltung mit Beginn der Pan­demie an.

Ungutes Gefühl, Schlafstörungen und Co. sind die Folge

Damit markieren die Ergebnisse einen neuen Eckpunkt von Hass- und Gewalt: Beleidigung, Bedrohung, Körper­ver­letzung, Tötung und sexuelle Gewalt - all diese Straftatbestände sind unter den Angaben der Befragten zu finden. 60 Prozent der Befragten gaben an, dass die erlebten Übergriffe Folgen für sie hatten. Ein ungutes Gefühl bei der Arbeit, Schlafstörungen und Depressionen gehören dazu.
Diese Zahlen und der Austausch mit den von Gewalt Betroffenen habe ihre Entschlossenheit verstärkt, mehr zu tun, um die Menschen zu schützen, "die unser Land jeden Tag am Laufen halten", gab Bundes­innen­mi­nis­te­rin Nancy Faeser bei der Vorstellung der For­schungs­er­geb­nisse bekannt. Es sei eine Frage des Schutzes un­serer Demokratie, dagegen etwas zu unternehmen, so Faeser weiter.

Ministerin: "Betroffene sollten Übergriffe melden"

dbb-Chef Ulrich Silberbach forderte anlässlich der Be­kannt­gabe der Ergebnisse "bundesweite Handlungs­em­pfeh­lungen, um die Kolleginnen und Kollegen nach­haltig zu schützen". Es sei wichtig, jeden Übergriff ernst zu nehmen, fügte Faeser hinzu und unterstrich in die­sem Zusammenhang die Wichtigkeit, Übergriffe zu mel­den und zur Anzeige zu bringen.
(c) BMI
Beschäftigte des Ordnungsamtes berichten Ministerin Schaefer (4. v.l.), Ulrich Silberbach (2. v.l.) und einer DGB-Vertreterin von ihren Gewalterfahrungen
"Genau hier liegt ein zentrales Problem", gibt Susanne Aumann, Vorsitzende der Deutschen Beamtenbund-Jugend NRW (dbb jugend nrw) zu bedenken. Viele Beschäftigte melden Übergriffe nicht, weil sie es inzwischen für üblich hielten, beleidigt oder bedroht zu werden. Es sei darum nötig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es in keinem Job der Welt normal sei, Übergriffe als zum Job dazugehörig hinzunehmen, sagt Aumann. Besonders verbreitet sei eine solche Auffassung in Bereichen, in denen Beschäftigte ohnehin mit schwierigerer Klientel zu tun haben. Im Justiz­voll­zugs­dienst sei das beispielsweise so oder auch bei der Polizei oder im Sozialamt.

Während der Pandemie habe sich das Problem auch in weiteren Bereichen verstärkt, die die neue Studie identifiziert, wie zum Beispiel im Ordnungsamt. Diesen Bereich hatte auch die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) bereits aufgeführt. Die Zahl der Übergriffe hat sich dort seit Beginn der Pandemie vervierfacht, wie die dbb jugend nrw bereits berichtete. Aus der entsprechenden PKS ging seinerzeit auch hervor, dass Übergriffe auf Zugpersonal und Einsatzkräfte der Polizei zugenommen hätten.

Es gibt viel mehr Übergriffe als zu Tage treten


Die neue Studie des FöV hält zudem eine hohe Dunkelziffer von Übergriffen für wahrscheinlich und gibt die Em­pfeh­lung, die Meldung von Übergriffen durch die Beschäftigten zu fördern. Denn, so ein weiteres Problem, das den Wissen­schaft­lern ins Auge fällt: "Die Entscheidung der Beschäftigten für oder gegen eine Meldung von Übergriffen scheint haupt­sächlich eine Aufwand-Nutzen-Abwägung zu sein."

Aus diesem Grund sei es nach Auffassung der Forscher wichtig, Meldesysteme so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten und zudem den Nutzen zu erhöhen, den Beschäftigte durch die Meldung von Übergriffen erfahren.

Vorgesetzte sind gefragt

"Dazu ist es notwendig, die Vorsetzten nachhaltig zu sensibilisieren", betont Aumann. Das sehen auch die Experten aus der Wissenschaft so: Vorgesetzte sollten Übergriffe ernstnehmen, Betroffenen Unterstützung anbieten und Übergriffe sollten strafrechtlich verfolgt werden, heißt es im abschließenden Statement des Studienpapiers.

Für wichtig halten die Forscher zudem, Präventionsmaßnahmen in ein Gesamtkonzept einzubinden und sehr spezifisch auf die Risiken und die Situation der einzelnen Arbeitsbereiche abzustimmen, statt einen Fahrplan für alle Bereiche zu erstellen.

Gezielte Maßnahmen zeigen Wirkung

Die Erfahrung zeige, dass an Stellen wie der Arbeits- und Sozialverwaltung, an denen Fluchttüren, Alarmsysteme, gefahren­bewusste Büroeinrichtung und entsprechende Deeskalationstrainings etabliert seien, Beschäftigte seltener von Gewalt betroffen seien. In den Ordnungs- und Bürgerämtern würden solche Maßnahmen bislang deutlich seltener genutzt.

"Dieses Wissen sollten wir nutzen und unbedingt darauf drängen, solch einfach umzusetzende Maßnahmen tatsächlich flächendeckend zu etablieren", betont Aumann. Ergänzend dazu sei auch weiterhin wichtig, Betroffene und Opfern von Gewalt im Job maßgeschneiderte Hilfsangebote zu unterbreiten und sie dazu zu ermuntern, diese auch in Anspruch zu nehmen. Hier seien die Führungskräfte mit in der Verantwortung, betont Aumann abschließend.