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Wie sich durch ein Kopftuch alles veränderte
02.08.2022  
Beim Praktikum in der Stadtverwaltung sprang der Funke so gar nicht über. Auch aufgrund ihrer fremdländischen Wur­zeln lag für Douaae Tissoudali der Gedanke fern, sich für eine Ausbildung im Öffentlichen Dienst zu bewerben. Doch dann kam alles anders. Hier erzählt Douaae ihre ungewöhnliche Geschichte.

Als Douaae in die Schule kam, war die Welt noch in Ordnung. Zu Hause sprach Douaae Arabisch, mit ihren Freunden und in der Schule Deutsch. Aus zwei Welten zugleich zu kommen, stellte kein besonderes Hindernis dar. Douaaes Eltern kommen aus Marokko, doch sie selbst ist in Deutschland geboren. Deutsch - Marokkanisch - sie ist eigentlich alles auf einmal. Ein Hindernis war das nicht. "Weil ich hier groß geworden bin und hier lebe, fühle ich mich deutsch", sagt die 23-Jährige. Doch dann hatte Douaae das Gefühl, dass es doch zum Hindernis wurde. Das war auf dem Weg zum Abitur, zu ihrem 18. Geburtstag.

Ein Stück Persönlichkeit wird sichtbarer

"Seit 2017 trage ich ein Kopftuch", sagt die junge Frau. Neben religiösen Gründen trägt sie damit ihre Kultur ein deut­liches Stück mehr nach außen als vormals. Die Reaktionen darauf beschreibt die heute 23-Jährige als einschneidend.

"Wie sehen Sie denn aus?", "Was ist denn mit Ihnen passiert?" - Fragen von Lehrern als Reaktion auf ihr Kopftuch. "Ich wurde in der Schule rausgerufen und nach meinen Hintergründen für das Kopftuchtragen gefragt", erinnert sich Douaae. Sie empfindet das als bedrängend und diskriminierend. Ein harter Einschnitt kündigt sich an. "Ab diesem Zeit­punkt hatte ich das Gefühl, dass mir mein Weg in der Schule erschwert wurde", erinnert sie sich. Sie brach das Abitur ab, weil es sie nicht mehr erfüllte und sie sich umorientieren wollte.
Am Wendepunkt die entscheidende Idee

"Ich muss mich neu erfinden", mit diesem Gedanken star­tet Douaae Überlegungen, die für ihre weitere Zu­kunft entscheidend sein würden. Wo sind Punkte, an denen sie anknüpfen könnte? Sie erinnert sich an ein Schülerpraktikum, das sie für ihr Fachabitur bei der Feuerwehr in Remscheid absolviert hatte.

"Das Praktikum empfand ich als eintönig. In den zwei Wochen, die ich dort verbrachte, konnte ich keinen guten Einblick erlangen", erinnert sie sich. Nach einer rich­tungs­weisenden beruflichen Erfahrung hört sich das so gar nicht an. Dennoch war es immerhin eine Erfahrung, auf die die junge Frau aufbauen konnte. Sie bewarb sich auf einen Praktikumsplatz. Formlos. Per E-Mail.

Die Rückmeldung lässt nicht lange auf sich warten. Doch statt Freude macht sich begründet auf den ne­ga­tiven Reaktionen auf ihr religiöses und kulturelles Bekenntnis der nächste Schrecken breit: "Oh nein! Ich trage ein Kopftuch! Die werden mich ablehnen, wenn sie mich sehen", denkt sie und geht mit Bauchschmerzen ihrem Vorstellungsgespräch bei der Stadt Remscheid entgegen. Auch die Zusicherung der Personaler, man werde sich nach Abschluss eines noch weiteren Be­wer­ber­ge­sprächs bei ihr melden, wertete sie als "Ausrede", um die junge Frau mit dem Kopftuch schnell wieder los zu werden.

"Remscheid ist eine offene Stadt"

"Ich stehe zu dem, was ich bin, aber ich mache es nicht zum Thema", sagt Douaae Tissoudali
Vollkommen unbegründet, wie sich heute zeigt. "Ich habe gesehen, dass Remscheid eine der offensten Städte ist", sagt die 23-Jährige. Am nächsten Tag kam die Rückmeldung. Douaae konnte ihr Praktikum im Öffentlichen Dienst beginnen - für 4,5 Monate. Bei der Stadt Remscheid standen ihr die Türen offen, zu ihrer Verwunderung obwohl sie einen Mi­gra­tions­hintergrund hat und ein Kopftuch trägt.
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"Ich hätte mich nie beim Öffentlichen Dienst beworben, wenn ich mein Abi­tur gemacht hätte", sagt sie. Aber durch die Kontakte zu Kollegen aus verschiedenen Bereichen der Stadt war ihr schnell klar, dass ihr Bild vom Öffentlichen Dienst nicht richtig war. "Ich dachte, das sei mir zu langweilig", gibt sie unumwunden zu. Öde Jobs für die Bürger ausüben, in der Post­stelle zu hocken, versteinert im Rathaus zu sitzen - so malte sie sich die Arbeit in der Verwaltung aus. Aber als man ihr von der Tätigkeit in der Ausländerbehörde und anderen Ämtern erzählte, hatte sie klar, "dass der öffentliche Dienst cool und vielfältig ist". Also schließt sie an das Praktikum gleich einen Minijob bei der Stadt an und beginnt schließlich die Aus­bil­dung dort.

Uniform und Kopftuch

Douaae ist froh, den Schritt getan zu haben und nach ihrer Ausbildung bald ihre Tätigkeit für den Ordnungsdienst der Stadt Remscheid aufzunehmen. Auch wenn das Kopftuch unter Kollegen niemals Thema war, bemerkt sie schon neu­gierige und auch mitunter verwirrte Blicke, wenn sie in der Uniform des Ordnungsamtes auf der Straße unterwegs ist. "Das hat man in Remscheid noch nie gesehen", sagt die 23-Jährige.

Bis auf das Kopftuch versucht die junge Frau jedoch ihren kulturellen Hintergrund aus dem Job herauszuhalten. Sie spricht dort nicht über ihre Herkunft. "Ich stehe zu dem, was ich bin, aber ich mache es nicht zum Thema", fasst sie ihre Haltung zusammen.

Gespannt ist Douaae darauf, wie es wird, nicht mehr Azubine zu sein und im Ernstfall einen erfahrenen Kollegen neben sich zu haben, der die Verantwortung übernimmt. Jetzt kann sie noch in den Hintergrund treten, wenn es ernst wird.

"Ich bin froh, dass in Remscheid bereits jetzt die Zahl der jungen Beschäftigten mit Migrationshintergrund steigt und auf der Straße eine bunte Vielfalt verschiedener Kulturen anzutreffen ist. Dadurch ist der Öffentliche Dienst in der Ge­sell­schaft ein Vorbild für Diversität", findet die 23-Jährige.